Corona und KI: Ravin Mehta über digitale Auswege aus der Krise

Corona infiziert nicht nur Menschen, sondern ganze Unternehmen, Branchen, Industrien. Vor diesem Hintergrund erweisen sich das digital basierte Business und seine Technologien gerade als wichtiger denn je. Auch und vor allem mit ihren Beiträgen zu Automatisierung und Künstlicher Intelligenz. Das Fachmagazin iBusiness hat *um Gründer und Managing Director Ravin Mehta vor ein paar Tagen eine Reihe von Fragen dazu gestellt und ihn um seine Einordnung in den größeren Kontext gebeten. Hier ist das komplette Interview.

iBusiness: Hat die Pandemie sowohl kurz- als auch langfristig schon Auswirkungen auf das KI-Projektgeschäft gezeigt?

Ravin Mehta: Kurzfristig eher nicht, dafür ist die ganze Situation noch zu frisch. Im Moment ist niemand im Panikmodus und stoppt ad-hoc Projekte. Soweit wir das sehen, handeln die Verantwortlichen besonnen.

Langfristig ist noch gar nicht wirklich definiert, wie die wirtschaftlichen Auswirkungen sein werden. Natürlich gibt es Branchen, die unmittelbar und direkt betroffen sind – Luftfahrt und Tourismus etwa –, doch das betrifft nicht die ganze Wirtschaft. Noch nicht. Der Einschnitt kommt aber mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Anders der strategische Effekt, weil wir hier auf Erfahrungen aus der Vergangenheit zurückgreifen können: Bei der letzten Rezession, 2008, stellte sich die gleiche Frage. Damals haben die Unternehmen im klassischen Geschäft massiv Kosten eingespart, während zugleich ähnlich massiv in Zukunftsthemen investiert wurde. Und das Zukunftsthema 2020 ist definitiv die KI.

Legen Kunden nun Aufträge auf Eis oder investieren sie im Gegenteil z.B. freigewordene Messe-Budgets?

Bei uns, also im Feld der Digital- und Infrastrukturthemen, herrscht aktuell fast „business as usual“. Bisher hat sich noch niemand gemeldet, weder um mehr zu investieren noch um Projekte zu stoppen. Wir befinden uns allerdings immer noch in der Phase, in der alle beten, dass es schnell wieder vorbeigehen möge.

Thema neue Anwendungen: Leistet KI oder kann KI als spannendes Tool zur massenhaften Datenauswertung aktuell einen Beitrag leisten?

Wenn KI eine Sache gut kann, dann, Wahrscheinlichkeiten mathematisch zu ergründen. Ihre Kernaufgabe und -kompetenz ist, Muster in historischen Daten zu erkennen und damit Voraussagen für die Zukunft zu treffen. Insofern ist dies die Sternstunde der KI.

Kommt KI konkret bei der Pandemie zum Einsatz, etwa indem sie Verbreitungswege analysiert etc.?

Ganz klar: ja. Wobei aktuell vor allem die Forschung und Entwicklung auf Hochtouren laufen. Für die Öffentlichkeit nicht oder noch nicht sichtbar.

Google bzw. „Alphabet“ unterstützt zum Beispiel ein Projekt internationaler Biotech-Unternehmen und Hochschulen, in dem zwei Milliarden mögliche Wirkstoffe gegen COVID-19 KI-basiert gescreent werden. Dafür haben sie die unlimitierte Rechenleistung der Google-Cloud freigegeben. Ohne KI wäre es schlicht unmöglich, eine solche Menge zu simulieren.

Gleiches in Deutschland: Hier arbeitet etwa das Fraunhofer Institut an einer App, die Infektionsketten anonym und ohne Ortserfassung digital rekonstruieren soll. Auch das wird ohne KI nicht möglich sein.

Wir sind hier aber noch nicht am Punkt wirklicher Ergebnisse. Wer schon damit arbeitet, kann ich nicht sagen.

Kann KI in Marketing/Commerce und anderen kommerziellen Kontexten helfen, mit der Krise umzugehen und Erkenntnisse für Geschäftsmodelle daraus abzuleiten?

Das Corona-Virus infiziert derzeit auch Unternehmen und Branchen, wenn man so will. Da erweist sich zunächst mal das digitale Business als wichtiger denn je. Wer seine Prozesse und Infrastrukturen entsprechend digitalisiert hat, ist beweglicher und bleibt handlungsfähig.

Dabei kann KI natürlich ein wichtiger Faktor sein. Wenn man beispielsweise Daten schnell und in großem Stil analysieren und auswerten will, um Erkenntnisse daraus abzuleiten und schnell auf Marktveränderngen oder ähnliches zu reagieren. KI allein ist aber nicht das Allheilmittel. Ohne die richtigen Daten und das richtige Handling kommt auch die beste KI nicht auf die erhofften Ergebnisse.

Wird Corona langfristige Auswirkungen auf die Adaption und Entwicklung von KI haben – schießen jetzt Start-ups aus dem Boden?

Wir sehen gerade, dass sich die krisenbedingten Zusammenhänge und Datenmengen händisch und mit menschlichen Fähigkeiten allein gar nicht mehr bewältigen lassen. Alle Zeichen stehen darauf, dass in und vor allem nach dieser Krise massiv ins Zukunftsthema KI investiert werden wird. Der Löwenanteil des Venture Capitals der nächsten Jahre wird definitiv dort hineinfließen.

Wird man also zunächst so sehr damit beschäftigt zu sein, das Nötigste erledigt zu bekommen, dass Zeit und Budgets für die Weiterentwicklung erstmal Mangelware sind?

Sowohl, als auch. Ganz klar, geht es in der Krise darum, das Business aufrecht zu erhalten. Doch es wäre fatal, sich darauf zu beschränken. Schließlich gibt es ein „danach“, und das Ziel sollte sein, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

Natürlich weiß man jetzt noch nicht, wo es hingeht. Unternehmen und Dienstleister müssen sich deshalb gerade jetzt die Zeit nehmen, alle Szenarien durchzudenken und zu beplanen, um bestmöglich aufgestellt zu sein und zu bleiben.

Ravin Mehta ist Gründer und Managing Director von The unbelievable Machine Company und Vorstand der Basefarm-Gruppe, einem Unternehmen der Orange Business Services.

Das könnte dich auch interessieren: 
Kompendium „Künstliche Intelligenz verstehen und erfolgreich nutzen“
Wie KI dein Unternehmen erfolgreicher macht
So können auch kleinere Unternehmen machine Learning nutzen

This post is also available in: Englisch